Im letzten Jahr und auch Anfang dieses Jahrs haben sich viele Landwirte(innen) mit ihren Traktoren auf den Weg gemacht in große Städte wie Hamburg, Berlin und viele weitere. Mit ihren Corsos, Hupkonzerten und Mahnfeuern wollten sie auf die prekäre Situation auf ihren Höfen aufmerksam machen. Es waren Aktionen, die aus der Not heraus geboren sind. Desaströse Preise beim Schweinefleisch, Verschärfung der Düngeverordnung, Ausweisung Roter Gebiete, ausufernde Bürokratie, Perspektivlosigkeit der Branche, öffentlicher Druck, Insektenschutzprogramm und der immerwährende Preisdruck der Discounter führten dazu, dass die Bauern sich zusammenrauften und völlig neue Aktionen starteten, die in die bäuerliche Geschichte eingehen werden.

Hat sich was geändert?

Diese Frage kann man mit einem einfachen: Nicht viel – umschreiben.
Die Landwirtschaftsministerin Klöckner rappelte sich aufgrund des bäuerlichen Drucks auf, um ein Gesetz zu schaffen, das dem Handel untersagen soll, Waren unter dem Einkaufspreis zu verkaufen. Auch Gesprächsrunden mit Vertretern des Handels gab es. Man beschwor die Systemrelevanz der Landwirtschaft, gelobte Besserung bei den Einkaufspraktiken der Discounter, hob auch kurzfristig die Preise für spezielle Schweinefleisch- Produkte an. Daraufhin lagen im selben Kühlregal neben den preislich aufgepeppten Produkten die Billigwaren und man wunderte sich, dass der Konsument am Ende wieder zu seinen gewohnten Billigprodukten griff. Die ganze Aktion lief – wie ich es beurteile – auf einen Rohrkrepierer hinaus. Die Preise sind für uns Landwirte wieder auf dem alten Niveau. Unterm Strich waren die Discounter wieder mal die Gewinner in diesem Spiel. Sie konnten die Wirkung dieser Bauernsympathie, den sogenannten „Bauernsoli“ medial für sich verbuchen und ihr neues,  „Grünes Image“ pushen.

Wo stehen wir jetzt?

Von der letzten Traktordemo in Berlin nahm kaum jemand mehr Notiz. Bei den bekannten Fernsehsendern wurde meines Wissens gar nicht darüber berichtet. Den Politikern, die mehr oder weniger widerwillig anwesend waren, fiel es schwer, die Botschaften der Bauern aufzunehmen geschweige denn zu verinnerlichen. Es machte den Anschein, dass die Sprecher der Landwirte nicht gut organisiert gewesen waren. Zu den Demonstrationen gesellten sich mittlerweile auch unangenehme radikale Personen, die die Chance nutzten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Spätestens hier sind wir an dem Punkt angelangt, an dem ich sage: Es reicht!

Ab jetzt laufen die Aktionen ins Leere und wir ecken im dümmsten Fall nur noch an. Die Demos will ich in kleinster Weise abwerten. Ich danke jedem, der sich die Zeit, die Mühe, und die schlaflosen Nächte genommen hat, um hier dabei zu sein. Es hat auch was bewirkt, ganz ohne Zweifel. Viele Bürger haben mitbekommen, dass in der Landwirtschaft gewaltig was stinkt. Hier ist ausnahmsweise mal nicht Mist und Gülle gemeint.

Sind wir jetzt am Ende?

Meines Erachtens müssen jetzt andere Maßnahmen folgen. Unsere Interessenvertreter von Landschafft Verbindung und Bauernverband sollten sich neu strukturieren und mit einer möglichst einheitlichen Marschrichtung vorgehen. Es geht nun um taktische Verhandlungen mit Politik und Handel und auch um Öffentlichkeitsarbeit. Gerade bei der Öffentlichkeitsarbeit ist jeder von uns gefordert. Jeder kann im Einzelnen dazu beitragen den zum Teil weit entfernten Menschen in der Stadt auf unseren Hof zu holen. Ihm unser Leben und Wirtschaften auf dem Bauernhof wieder begreifbar zu machen. Mit weit entfernt meine ich nicht nur die räumliche Distanz zum Bauernhof, sondern auch das Verständnis und die Ahnung von dem, was wir hier draußen so tun.

Was erwarten wir Landwirte(innen) von der Zukunft?

Ganz klar: Wertschätzung der Handelspartner und durchreichen eines größeren Anteils der Gewinnmarge an die Erzeuger. Verhandlungen auf Augenhöhe. Betrachtung als Partner und nicht als No-Name-Lieferant von Lebensmitteln. Die Erkenntnis, dass sowohl Handel wie auch Landwirte(innen) wesentlich weiterkommen, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.
Wir erwarten ferner einen Konsumenten, der verantwortungsbewusst, regional und verlässlich unsere Produkte erwirbt. Der einfach mal ein Produkt im Regal liegen lässt, das vom hintersten Ende der Welt angeliefert, und unter fragwürdigen Bedingungen erzeugt wurde.

Um die Frage nicht unbeantwortet zu lassen, die ich in der Überschrift gestellt hatte: Ja, für mich hat es sich ausgetreckert